Prof. Dr. Dieter Prokop

Kritische Theorie / Frankfurter Schule / Kulturindustrie / Medientheorie / Medienwissenschaft / Medienforschung / Wirtschaftssoziologie / Kritische Theorie des Gelds / Kritische Theorie Europas

Dieter Prokop (* 1941) ist Professor em. für Soziologie mit dem Schwerpunkt Medien an der Goethe-Universität Frankfurt.







PROKOP, Dieter (2013): Kritische Soziologie der Wirtschaft. Wie Oligopol-Konzerne, Machtkomplexe und Zocker-Banken die Gefühle der Menschen vermarkten und deren Verstand ausschließen. Marburg / ISBN 978-3-8288-3094-3

Klappentext:

Die Kritische Soziologie der Wirtschaft ist ein Buch, das die Strukturen der Realwirtschaft und die Machenschaften der Finanzwirtschaft unbeirrt von den üblichen beschönigenden Begriffen durchleuchtet.
Dieter Prokop stellt dar, wie die heutige Wirtschaft funktioniert: Die Realwirtschaft findet im Oligopol statt. Konzerne vermeiden eine Preis- und Qualitätskonkurrenz, und sie kooperieren informell, wenn es um Preiserhöhungen geht. In der Finanzwirtschaft sind die Oligopol-Banken zu Wettbüros geworden, was die Ursache der gegenwärtigen Krisen ist. Außerdem stellt Prokop die Machtkomplexe dar, die daran arbeiten, die Vermarktungs-Interessen der Konzerne durchzusetzen.
Prokop sieht in den Verkaufsstrategien der Oligopol-Konzerne und auch der Investmentbanken eine 'Operation Strukturierte Produkte', deren Absicht die Irrationalisierung und Täuschung der Marktteilnehmer ist. Und er fordert, dass man, statt von 'Gier und Furcht', 'Herdentrieb' und 'Massenpsychologie' zu reden, die Realität zur Kenntnis nehmen sollte. Dazu gehört das ökonomische, politische und gesellschaftliche Umfeld. Prokop betont, dass dazu auch die Rationalität Marktteilnehmer gehört.
Prokop zeigt auch, dass die sozialphilosophische Grundlage aller Regulierung der Wirtschaft der rationale Gesellschaftsvertrag sein muss und nicht die 'Einbettung' der Wirtschaft in Wertorientierungen, Konventionen, Institutionen, wie sich das die 'Institutional Economics' und auch die konventionelle Wirtschaftssoziologie vorstellen.


Schlusskapitel:


Kapitel 44:
Zusammenfassung und Lösungsvorschläge

Kritische Soziologie der Wirtschaft

Das Soziologische an diesem Buch besteht in dem Versuch, hinter die Kulissen zu blicken. Über wirtschaftliches Handeln gibt es heute eine Fülle von Ideologien - 'massenpsychologische' bis physiologische ('Hirnforschung') -, die den Marktteilnehmern irrationale bis unbewusste Motive unterstellen. Und die Realität wirtschaftlicher Strukturen wird heute mittels eine Fülle von beschönigenden Wörtern übertüncht. Das sind die Kulissen. Dahinter befinden sich die Rahmenstrukturen - und das sind Strukturen der Macht.
Wirtschaft ohne Macht ist unmöglich. Selbst die kreativsten Produktionsprozesse erfordern Machtstrukturen. Jedoch ist Monopol-Macht wirtschaftlich, politisch, gesellschaftlich nicht wünschenswert. Und die Macht von Konzernen im Oligopol ist zumindest fragwürdig, jedenfalls wenn man von der Vorstellung ausgeht, dass wirtschaftliche Prozesse so etwas ermöglichen sollen wie eine Auslastung und Entfaltung von Produktivkräften, Vollbeschäftigung, Vielfalt, Freiheit etc. und nicht Austerität, Stagnation, Arbeitslosigkeit, Umweltschäden, perfide Vermarktungsstrategien und bedrohliche Krisen.

Wie Oligopol-Konzerne, Machtkomplexe und Zocker-Banken ...

In oligopolistischen und oligarchischen Wirtschaftsstrukturen besteht Macht darin, Andere von der Produktion und Distribution ausschließen zu können. Oligopole und Oligarchien ermöglichen die 'Operation Ausschluss'. Da werden Barrieren errichtet:

I: Markteintritts-Barrieren im Oligopol für weniger Kapitalkräftige. (s. Kapitel 10)
II: Marktforschungs-Barrieren gegenüber dem Verstand der Konsumentinnen und Konsumenten. (s. Kapitel 14)
III: Investitions-Barrieren bei Banken und Investoren gegenüber der Realwirtschaft, der Infrastruktur und den gemeinnützigen Aufgaben. (s. Kapitel 26)
IV: Politische Barrieren gegenüber der Regulierung der Wirtschaft im Rahmen der postfordistischen Gegenreform. (s. Kapitel 33)

... die Gefühle der Menschen vermarkten ...

Oligopolisten der Realwirtschaft und der Finanzwirtschaft sind in der Lage, alles, was den Verkauf fördern könnte, schon im Stadium der Produktplanung in die Produkte einzubauen. Und es ist die Überzeugung der Manager, dass man am Besten fährt, wenn man in die Produkte Gefühlswerte einbaut. Denn die Manager glauben daran dass Konsumenten, Publika und auch Investoren kreuzdumm, wenn nicht gar von unbewussten Instinkten gesteuert sind. (s. Kapitel 1, 2 und 13)
Oder genauer: Sie tun so als würden sie daran glauben, weil das eben die im kulturindustriellen Machtkomplex eingespielte Konvention ist. So wie Keynes das in dem Zitat über die Konventionen sagte: Wir halten uns an die Konventionen, aber das bedeutet nicht, dass wir wirklich daran glauben.
Deshalb gibt es die 'Operation Strukturierte Produkte':

I: Verkaufsförderung von Waren durch künstliche Obsoleszenz und durch Einbau von abstrakten, gebrauchswertlosen Gefühlswerten. (s. Kapitel 11)
II: Verkaufsförderung von Waren und Werbung durch eine Konstruktion von Zielgruppen und Milieus, die selektiv das Interesse am Ansprechen von Gefühlen bedient. (s. Kapitel 13)
III: Verkaufsförderung von Finanzprodukten durch Verschleierung von Risiken. Collateralized Debt Obligations (CDO). (s. Kapitel 23)
IV: Verkaufsförderung von Finanzprodukten durch Einbau eines Gefühlswerts, der Furcht, in die Software beim algorithmusgesteuerten Hochfrequenzhandel. - Diese Art von Verkaufsförderung fand allerdings nur in einem Krimi statt, nicht in der Realität. Denkbar ist jedoch, dass auch das irgendwann in der Realität versucht wird. (s. Kapitel 32)

... und deren Verstand ausschließen

Die Rationalität der Menschen besteht in ihrer Fähigkeit, ihren Verstand so zu gebrauchen, dass sie die Bedeutung und Angemessenheit ihrer Handlungen einzuschätzen wissen. (s. Kapitel 6) Diese Fähigkeit wird von den Oligopol-Konzernen, von den an den Machtkomplexen Beteiligten und von den Zocker-Banken ausgeschlossen.
Oder genauer: Sie versuchen, den Verstand der Menschen auszuschließen, in ihren Produkten, in ihrer Werbung, in ihrer Public Relations und Lobbyarbeit. Ich habe jedoch darauf hingewiesen, dass dieser organisierte Versuch, die Gefühle zu vermarkten, nicht zwangsläufig die gewünschten Effekte hat: Die Absicht der Manipulation ist noch lange keine reale Manipulation, die Leute sind ja nicht dumm. (s. Kapitel 15)

Dabei sind Gefühle und Verstand empirisch nicht trennbar, selbst wenn kommerzielle Forschungsfirmen genau diese Trennung der Realität aufzustülpen versuchen. (s. Kapitel 13 und 14) In allen Gefühlen arbeitet der Verstand mit, und wenn er menschlich - also nicht-instrumentell - arbeitet, impliziert der Verstand auch Gefühle.
Hier muss man sich die Produkte, über die man urteilen möchte, sehr genau ansehen, Es gibt Produkte, Waren, die bloß Gefühlswerte vermarkten und den Verstand der Käufer bzw. des Publikums ausschließen. - Und es gibt Produkte, auch im Rahmen oligopolistischer Marktstrukturen, die sowohl die Gefühle als auch den Verstand ansprechen, vielleicht sogar beides weiterentwickeln. (s. Kapitel 16) Es gibt ja immer mal Nischen der Freiheit, die sich zum Beispiel besonders kommerziell erfolgreiche Autoren, Regisseure, aber auch Trader, Investoren etc. gegenüber den auf Rationalisierung und Formalisierung drängenden Managements schaffen können.

Lösungsvorschläge

Es gibt viele Forderungen, denen ich mich, aufgrund meiner Analyse, anschließen kann: Notwendig sind Märkte mit freier Konkurrenz und freiem Zugang zur Distribution. Notwendig ist mehr Mitbestimmung auch in den Aufsichtsräten der Banken. Geschäftsbanken müssen von Investmentbanken getrennt werden, wie das in den USA mit dem Glass-Steagall-Gesetz von 1933 bis 1999 der Fall war. Die staatlichen Aufsichtsbehörden müssen ihre Aufgaben auch wirklich wahrnehmen, und hierzu brauchen sie mehr und mehr qualifiziertes Personal. Sie müssen auch die Zweckgesellschaften, die Schattenbanken, die Hedgefonds kontrollieren. Es müssen neutrale und sachkundige Rating-Agenturen eingerichtet werden. Im Krisenfall dürfen Banken nur Hilfen erhalten, wenn sie temporär verstaatlicht werden (wie das in den USA praktiziert wurde). Außerdem müssen Gesetze befolgt werden. Das betrifft zum Beispiel die Sozialbindung des Eigentums im Grundgesetz, aber auch die europäischen Verträge, die die Schuldenbremse und die No Bailout-Klausel gesetzlich festgeschrieben haben. Das betrifft auch die EZB, die keine Finanzierung verschuldeter Staaten (auf Kosten der Steuerzahler anderer Staaten) betreiben darf. Außerdem sollten beim algorithmusgesteuerten Hochfrequenzhandel bestimmte Algorithmen verboten werden, die unkalkulierbare Risiken enthalten, weil sie plötzliche Krisen verursachen könnten. (Und nicht zuletzt hängt viel davon ab, ob es gelingt, eine neue Welt-Ordnung für das Währungs- und Finanzsystem zu finden.)
Das sind Vorschläge von kritischen Wirtschaftswissenschaftlern, Finanzexperten, Wirtschaftsjournalisten.
Aber welche Lösungsvorschläge ergeben sich speziell aus der kritischen Soziologie der Wirtschaft? Sie ergeben sich, wenn man über das Gegenteil des kritisch Analysierten nachdenkt. Wenn man sich also zur Operation Ausschluss, zur Operation Strukturierte Produkte und zum Versuch, den Verstand der Menschen auszuschließen, jeweils das Gegenteil vorstellt:

Das Gegenteil der 'Operation Ausschluss' ist die 'Operation Chancengleichheit': freier Zugang von Unternehmen zu Ressourcen und Märkten.
Die Operation Chancengleichheit impliziert den freien Zugang zur Produktion. Das muss kein utopisches Ideal sein. Mehr Chancengleichheit könnte zum Beispiel auch durch ausreichende Kredite für die mittelständische Wirtschaft und für Unternehmensgründungen geschaffen werden.
Die Operation Chancengleichheit bedeutet auch den freien Zugang zur Distribution, zu Märkten. Und eine nachhaltige parlamentarisch-demokratische Regulierung der Wirtschaft.

Das Gegenteil der 'Operation Strukturierte Produkte' ist - im Bereich der Produktion - die 'Operation Unabhängigkeit': weniger Kontrolle, autonome Arbeitsbedingungen, so frei, wie das sachlich möglich ist.
Die Operation Unabhängigkeit impliziert, dass diejenigen, die die Produkte entwerfen und herstellen, nicht von autoritären Managements kontrolliert werden. Sie haben Spielräume. Sie können frei entwerfen und produzieren - was zweifellos auch (wenn nicht sogar mehr) kommerziellen Erfolg bringt.
'... so frei, wie das sachlich möglich ist' - Nicht immer ist das möglich. Oft erfordert die Sache auch Arbeitsteilung, Anweisungs-Strukturen, Hierarchien, Machtstrukturen. Und natürlich meine ich auch nicht, dass man die Trader, die in den Banken und Schattenbanken mit den Millionen und Milliarden spielen, von der Kontrolle durch das Risikomanagement befreien sollte, im Gegenteil. Es ist jedoch ein Unterschied,
ob zum Beispiel Redaktionen mit unabhängig denkenden und arbeitenden Journalisten besetzt sind (die ihre Unabhängigkeit vertraglich garantiert erhalten)
oder mit Journalisten, die - in Redaktionen als 'Profit-Centers', 'Exzellenz-Centers' - von Marketing-Fachleuten beherrscht werden . oder sich selbst als Marketing-Fachleute verstehen.

Das Gegenteil des Ausschlusses des Verstands der Menschen ist die 'Operation Respektierung des Verstands der Menschen': mehr realer Gebrauchswert, mehr Transparenz, mehr Demokratie.
Die Operation Respektierung des Verstands der Menschen impliziert im Bereich der Produktion die Herstellung von Produkten, wie sie die Verbraucherschutzverbände fordern: von nützlichen und durchschaubaren Produkten, die realen Gebrauchswert haben und die mit klaren Informationen über den Inhalt versehen sind. Und eine Werbung, die gut informiert - oder die klar macht, dass Sachinformation nicht ihr Interesse ist, sondern das Schaffen von Aufmerksamkeit durch ungehinderte, nicht von Image-Erfordernissen gefesselte Kreativität.
Die Operation Respektierung des Verstands der Menschen impliziert auf der politischen Ebene impliziert diese Operation, dass die Regierungen die Menschen als die mündigen Bürger behandeln, die sie sind. (Selbst wenn sie nicht permanent in das politische Geschehen eingreifen wollen und können, s. Kapitel 37) Auch das ist keine utopische Forderung: Die Respektierung des Deutschen Bundestags wurde zum Beispiel im Urteil vom 12. September 2012 (s. Chronik im Anhang) auch vom Bundesverfassungsgericht gegenüber den europäischen Regierungs-Instanzen angeordnet. (Selbst wenn die Vorstellung, die mündigen Bürger könnten sich über ihre gewählten Vertreter im Parlament Gehör verschaffen, angesichts der Verselbständigung von Rackets, von Macht-Cliquen in den Parteien, eine Fiktion ist, so ist das doch eine notwendige, auf Realisierung drängende Fiktion.)

Also: Es kann kann nicht schaden, wenn auch mal ein Soziologe, zusätzlich zu den operationalisierten Lösungsvorschlägen der kritischen Wirtschaftswissenschaftler und Wirtschaftsjournalisten, emphatisch ausruft: Mehr Chancengleichheit! Mehr Zugang auch kleinerer Unternehmen zu Ressourcen und Märkten! Mehr Unabhängigkeit! Mehr autonome Arbeitsbedingungen! Mehr nützliche und kreative Produkte statt manipulativer Gefühls-Vermarktung und Käufer-Täuschung! Mehr Transparenz! Mehr Respektierung des Verstands der Menschen! Mehr Demokratie!

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